Was ist Kultur?

haug

Nur wenige Professoren haben mich während meines Studiums wirklich beeinflusst. Einer davon war Wolfgang Fritz Haug; ich war auch Tutor in seinen berühmten „Kapital“-Kursen. Haug prüft mich in einem „Philosophikum“ über das Thema „Walter von der Vogelweide und der Warenfetischismus bei Karl Marx“, die ich mit Auszeichnung bestand, weil die Herren vom Landesprüfungsamt aus dem Staunen nicht mehr herauskamen, was man mit dem Minnesänger alles anfangen kann.

Entgegen den allgemein gegenwärtigen und praktizierten Vorstellungen ist Kultur keine Wohlfühl-Insel für sie seelische Wellness, sondern ein von mehreren Parteien hart umkämpftes Feld, deren Deutungsebenen zunehmend ideologisch überlagert werden, deren künstlerische Tiefenschichten gleichwohl als Teil des Projekts der Humanisierung des Menschen rekonstruierbar sind. Mit Hilfe von Brecht und Gramsci und unter Bezugnahme auf Bourdieu und die Cultural-Studies unternimmt der emeritierte Philosophieprofessor Wolfgang Fritz Haug mit seinem Buch „Die kulturelle Unterscheidung“ den Versuch, das Terrain semantisch zu sondern, mit den Widersprüchen die progressiven Seiten der Kunst freizulegen und auch Produkte der Jugend- und Pop-Kultur als gesellschaftliche Hieroglyphen zu lesen.

Telepolis hat Haug neulich zu seinem neuen Buch „Die kulturelle Unterscheidung“ interviewt, und ich habe es mir gekauft. Schon die ersten Seiten versprechen eine anspruchsvolle und spannende Lektüre. Wer Stuart Hall kennt und mit dem Begriff „Cultural Studies“ etwas anzufangen weiß und wem auch noch die Marxsche Philosophie geläufig ist, der muss auch Haug lesen.

Kommentare

9 Kommentare zu “Was ist Kultur?”

  1. phese am September 6th, 2011 11:07 am

    Jo stimmt, der gute alte Marx.

    „Die Völker, welche nicht ein bestimmtes kulturelles Level erreicht haben, müssen von der Bildfläche verschwinden, in einem politischen holocaust.“

    Widerlich, diesen aufrufer zum massenmord ständig zu hofieren.

  2. admin am September 6th, 2011 12:04 pm

    Nein, das ist nichts anderes als das Hegelsche „Was wirklich ist, ist vernünftig“… Das kann man auch falsch verstehen. Das Zitat stimmt auch so gar nicht.

    Philosophie is more sophisticated sometimes…

  3. ...der Trittbrettschreiber am September 6th, 2011 7:22 pm

    trittbrettgedanken:
    “ … Wir leben in einer Welt voller Waren.
    Zu jeder Zeit, an jedem Ort, aus jedem Blickwinkel heraus sind sie präsent, allgegenwärtig, nicht wegzudenken aus unserer Existenz. Es scheint als lebten wir in ihnen, mit ihnen und durch sie. Wenn wir morgens die Augen öffnen, nach Träumen, wunscherfüllt mit manigfaltigsten Konsumgütern, bemerken wie sie nicht einmal mehr. Die realen Waren, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen.
    Noch ganz verschlafen fällt unser Blick auf das flüssigkristallgefüllte Display der Ware „Radio – Wecker“, die uns mit muntermachender Ware „Nachrichten aus aller Welt “ begütert.
    Unsere Wohnung, vom edlen Marmorboden aus Carrara hinauf an den gobelinbehangenen Wänden entlang bis hoch zum kristallenen Lüster an der reliefverzierten Salondecke, ist Ware.
    Die Staffage mit der wir in ihr umherwandeln, die schlangenledernen Stiefeleten mit Bio – Fußbett, das moderne Flachsgewand, veredelt mit den seidenem Faden vom exotischen Schmetterlingskokon, auch unsere in der Wellnesfarm um die Ecke bezärtelte Haut, unser chemie- und skalpellrestauriertes Antlitz, gekrönt von einem Designer – Haarschnitt, der ohne die High-Tech-Brille von Fielmann fast schon nicht mehr wa(h)rnehmbar wäre, ist Ware.
    Waren, überall Waren. Nichts als Waren.
    Unsere Nahrung, hergestellt in einem Arbeitsprozess, streng nach Gesetzen des Marktes konzipiert, auf komplizierten, vernetzten Handelswegen „`umgesetzt“‚ gelangt sie zu uns, speziell auf unsere Essgewohnheiten zugeschnitten. Die Reizung unserer Geschmacksknospen auf der Zungenoberfläche ist je nach verschiedenen Regionen perfekt berechnet. Fast-Food-Ketten würzen ihre Whopper und Burger je nach Zielregion unterschiedlich. Die Frikadelle, die für den Umsatz bruzzelt, ist durch und durch optimiertes, geplantes Handesgut, ist nicht einfach heißes Gehacktes. Sie ist Ware. Sie war Ware von Anfang an. Und sie wird wieder Ware. Ist sie erstmal verdaut, wird sie von Waren der Sanitärindustrie auf unteirdischen Absatzwegen dem landwirtschaftlichen Warenszenario wieder zugeführt, weiter nutzbar gemacht im Dienste des Konsums, einer der wichtigsten Säulen der Warenwelt.
    Waren sind Mittelpunkt unseres Denkens, Fühlens und Handelns. Handelnd nehmen wir selbst Warencharakter an. Zunächst liefern wir unsere Arbeitskraft, tauschen sie aus gegen Lebensqualität, Zukunft, Sicherheit bis hin zur ersehnten Unsterblichkeit……………………. Fehlt noch was? Richtig! Was wäre das Warenleben ohne die Liebe, die Ware Liebe, die unsere Emotionen dem Markt, dem Tummelplatz der Waren preisgibt und so den Wert der Waren ins Horende treiben kann. Liebe wird wertsteigende Zutat. Mit ihr wird nicht nur gekocht, sondern auch gehandelt. Ist das die letzte Bastion des Zugriffs der expandierenden, expropriierenden Warenwelt?
    Es geht noch immer weiter. Selbst über ein warenerfülltes Leben hinaus wird die Warenidee, die erst in der teuer erstandenen Gruft mit uns verwest, oft noch Jahre von floristischen Waren geschmückt. Wären da nicht unsere international gehandelten Organe, welche sofern ver-wert-bar, nach unserem individuellen Ende fleißig weiter an der Warenproduktion und -verwertung teilhaben dürfen…“

  4. Haug über Kunst und/oder Kultur « Kritik und Kunst am September 6th, 2011 9:11 pm

    […] dank an burks. na, ich hab ja demnächst […]

  5. motz am September 7th, 2011 6:57 pm

    „.. sondern ein von mehreren Parteien hart umkämpftes Feld, deren …“ deren?
    müsste es nicht heißen ‚dessen‘? Oder bezieht sich ‚deren‘, das dann auch noch immer wieder wiederholt wird, auf ‚Insel‘? Dann wäre der Satz zumindest ungeschickt gebaut. Kann man das wirklich so machen? Oder was bekomme ich hier nicht mit?

  6. Joscha am September 7th, 2011 9:44 pm

    @phese.
    Wenn schon Anführungszeichen, dann doch bitte mit Quelle. Sie suggerieren, das ob dieses Zitat von Marx stammt!
    Ich konnte es nun nirgends finden. Ich gehe auch davon aus, dass ich es nirgends finden werde. Vielleicht sind meine Ausgaben aber auch veraltet und es gibt bildhübsche neuübersetzte Neuerscheinungen. Politischer Holocaust? Hab ich noch nie bei Marx gelesen. In dem ersten Teil gibt es „so etwas“ wie Ähnlichkeit zu Marx besser marxistischer Theorie, nur dass anstelle von müssen von „werden“ gesprochen wird. Jo, das ist ein Unterschied! Zudem bezieht sich das Untergehen, vielmehr verbleiben in Abhängigkeit nach marxistischer Theorie, wieviel davon in Marx Sinne ist sei einmal dahingestellt, auf das Untergehen in einem kapitalistischen System.

  7. Die Trojaner sind vom Pferd gefallen : Burks' Blog am Oktober 9th, 2011 9:11 am

    […] fällt mir Wolfgang Fritz Haug ein: “Begriffe sind Abstraktionen, die dann brauchbar sind, wenn sie tatsächliche […]

  8. Ware, Wert, Preis und Profit, revisited : Burks' Blog am Mai 19th, 2012 6:50 pm

    […] den 70-er Jahren war ich mehrere Semester Tutor der Kapital-Kurse von Wolfgang Fritz Haug, und weil das sozusagen die Bundesliga der Marx-Exegese und ein […]

  9. Kritik der Politischen Ökonomie, revisited : Burks' Blog am Mai 10th, 2014 12:52 am

    […] (Ich selbst habe allein “Das Kapital” drei Semester lang in den 70-er Jahren bei Wolfgang Fritz Haug an der FU Berlin studiert, dann war ich zwei Semester Tutor bei Haug und habe selbst […]

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