Hurra! Pornografieverbot im Internet! [Update]
Hurra! Darauf haben wir alle gewartet! Man sieht jubelnde und Winkelemente schwingende Jugendschutzwarte auf Deutschlands Straßen, die Kirchen lassen alle Glocken läuten und im Kölner Dom wird eine spontane Dankesmesse gelesen.
Die Junge Union Berlin fordert: “Stoppt die Generation Porno! Wir fordern ein Pornografieverbot im Internet! (…) Anstatt mit aller Macht nach technischen Lösungen für die Eindämmung der Pornografie zu suchen, wird über die Meinungsfreiheit und Zensurfragen philosophiert.“ Zu dumm aber auch, dass es diese Meinungsfreiheit gibt und man auch nicht so einfach Zensur fordern darf. Das kommt (noch) nicht so gut.
By the way: Ist Alice Schwarzer eigentlich schon in die CDU eingetreten?
[Update I] Interview mit Conrad Clemens von der Jungen Union (via netzpolitik.org): “In dem Interview wird auch deutlich, dass Clemens Conrad auf den Zug aufspringen wollte, der heute durch den unkritischen Welt-Artikel über eine ‘Studie’ des BKA entstanden ist. (Diese scheint wiederum keine wirkliche Studie zu sein, sondern eine Präsentation, die BKA-Präsident Ziercke vergangene Woche vor den Regierungsfraktionen gehalten hat. Wenn das stimmt, sollte sich die Welt-Redaktion fragen, warum man hier im Qualitätsjournalismus aus einer Präsentation eine Studie machte.)”
[Update II] Dazu golem.de: “Von einer Studie könne keine Rede sein, heißt es von Seiten des Bundesjustizministeriums. Die Zahlen stammen vielmehr aus den Monatsstatistiken des BKA, die nur den Zeitraum von Januar bis Mai 2010 abdeckten. Repräsentativ seien diese Zahlen nicht.”
Bei welt.de kann man nur noch von “Schweinejournalismus” sprechen.
[Update III] ODEM.blog: “Das BKA und das Löschen”
Glauben heisst nicht wissen, Frau Kraft
Wer recherchieren kann oder ein besseres Gedächnis hat als eine Drosophila, ist klar im Vorteil. Spiegel Offline lässt Hannelore Kraft unwidersprochen fabulieren: “Es wird ein Kabinett geben, was genauso viele Männer wie Frauen hat, und ich glaube, das ist das erste Mal in Deutschland der Fall”, hatte die neue NRW-Regierungschefin im WDR angekündigt.”
Glauben heisst nicht wissen. Guckst du hier: “…in Berlin besetzte Bürgermeister Walter Momper (SPD) Anfang 1989 in spektakulärer Weise acht von dreizehn Senatsposten mit Frauen, und in Hessen wurden 1991 fünf der zehn Ministerien an Frauen vergeben, darunter das Finanz- sowie das Justizministerium.”
Jamel rockt den Förster für fünf Euro
Ich muss die gutmeinenden und lichterkettentragenden LeserInnen jetzt enttäuschen. Es kommt wieder etwas, das dem bräsigen Medien-Mainstream entgegensteht. Der Ostseeblick Nienhagen berichtet über einen Ort mit “zweifelhaftem Ruf”, der “in die Schlagzeilen geraten” sei. Jamel. Es ist etwas hängengeblieben, was genau, wissen wir nicht. Deutsche Medien stehen bekanntlich mit dem Internet auf Kriegsfuß und setzen keine Links. Dem kann ich abhelfen.
In meinem Artikel Project Xanadu, reloaded hatte ich geschrieben:
“Kompliziert sind Themen, in denen die im Netz vorhandenen Quellen mehr verraten als die Personen, die genannt werden, vielleicht wollen. Interessante – und für das Niveau der Recherchen bezeichnende – Beispiele waren die Artikel über Neonazis im mecklenburgischen Ort Jamel. Die Schweriner Volkszeitung berichtete schon am 14.10.2003, die Frankfurter Rundschau am 06.11.2003, die taz am 17.10.2003 (“Abgebrannte Häuser, aufgespießte Hühner, Wehrsportübungen”), die Jungle World am 05.11.2003, die Süddeutsche am 07.11.2003; Spiegel online holte das Thema am 16.08.2007 zum Teil wortgleich wieder hervor (“Abgefackelte Häuser, aufgespießte Haustiere, vertriebene Neubürger”), ohne die vorherigen Artikel mit einem Wort zu erwähnen. Im zweiten Teil des Artikels wir der Musiker Horst Lohmeyer genannt, der mit seiner Familie in Jamel wohnt. Lohmeyer wirbt online für seinen Forsthof – der Link sollte in einem Artikel daher nicht fehlen. Man kann sich das Anwesen von oben per Google Maps ansehen. Der Spiegel-Autor hat vermutlich nicht danach gesucht, sonst hätte er schon während der Recherche mit dem Interview-Partner diskutieren müssen, wieviel an privaten Informationen der von sich preisgeben wollte. Im Vergleich aller online auffindbarer Artikel zum Thema wird auch die Praxis fragwürdig, Namen nicht zu nennen: Spiegel Online schreibt “Sven K., 30, Abrissunternehmer, polizeibekannter Neonazi.” Dass der Mann Sven Krüger heißt, findet man mit wenigen Mausklicks.”
Eine der vielen Fragen zu der Berichterstattung über Jamel ist: Warum schreibt Spiegel Offline vier (!) Jahre, nachdem Jamel schon durchgehechelt wurde, noch einmal fast das Gleiche – natürlich ohne auch nur einen einzigen Link zu setzen?
Tut mir leid. Gut gemeint ist bei mir nicht automatisch gut. Hupen und Wäscheleine spannen gegen Rechts wirken nicht. Zentrale Frage wie gewohnt: Wo kommt die Kohle her und wo geht sie hin? Grundfinanzierung vom Fonds Soziokultur. (“Auf die Auswertung und Dokumentation der Ergebnisse und Erfahrungen wird besonderer Wert gelegt.” Schicken die die Liedtexte ein?) Und fünf Euro Eintritt. Dann kann ja nichts mehr schief gehen.
Hundekacke und Religion
Manche Sachen kann man sich nicht ausdenken. Natürlich weiß ich, das Homöopathie eine säkulare Religion ist, Aberglauben, Unfug, aber manchmal wirkt, weil Placebos eben wirken.
Esoteriker sind nichts anderes als eine Version der Verehrer höherer Wesen, nur dass diese Wesen nicht anthropomorph gedacht werden, sondern stofflich. Mit Esoterikern kann man auch nicht rational reden, das haben sie mit Gläubigen gemeinsam. Wenn man ihnen darlegt, dass sie an fromme Märchen und Legenden glauben und dass Religion und Esoterik Opium für’s Volk seien, dann erscheint sehr schnell ein dämliches und herablassendes Grinsen auf ihren Gesichtern, weil sie mit ihrem Scheinwissen so himmelhoch über einem selbst stehen, dass man dankbar sein muss, überhaupt ein Wort mit ihnen wechseln zu dürfen.
Bei der Lektüre einiger Blogs stutzte ich bei Fefe. Excrementum caninum – übersetzt für den Nicht-Lateiner heisst das schlicht Hundescheisse. Wirklich wahr. Noch mal: Hundekacke. Das setzen die Esoteriker und Homöoschwachmaten als Medikament sein. So wundert es auch nicht, dass zum Beispiel der Passauer Homöopath, auf dessen Website die caniden Exkremente als “Medizin” angepriesen werden, ein Dipl.theol. ist, ein diplomierter Theologe also. Quod erat demonstrandum.
Bei Kleinweich finden wir eine Übersicht über die zehn bizarrsten Heilmethoden des Mittelalters. Jetzt haben wir elf, und das Mittelalter ist natürllich noch nicht vorbei in den Köpfen der Esoteriker. Immerhin hatten wir mit Otto Schily schon einen Waldörfler als Innenminister, und die grüne Renate Künast verwechselt Homöopathie mit Kräutermedizin.
Doch damit nicht nicht genug des Schwachsinns. Wogegen wird Hundekacke eingesetzt? Gegen Arbeitslosigkeit! Ja, richtig gehört! Deswegen der Screenshot! Ich traute auch meinen Augen nicht. Das muss ich ganz schnell hier in Neukölln herumerzählen. Selbsthilfe ist angesagt. Leider weiß ich nicht, ob man verdünnte Hundescheisse oral, rektal oder intravenös verabreicht?
So ganz abwegig ist das ja nicht, denn die Rezepte der Politik, wie man die Krisen den Kapitalismus bekämpfe und die industrielle Reservearmee verkleinere, sind genau so viel oder wenig wirksam wie Hundescheisse. Man muss nur fest daran glauben und auf die Dummheit des gemeinen Volks vertrauen.
















