Finanzexperten: Ratlos am Rande des Abgrunds
Ich blättere gerade “Das Kapital” von Karl Marx durch, um ein paar knackige Sprüche zu finden, um die der Altmeister nie verlegen war. Die drei Bände mit jeweils knapp tausend Seiten sind natürlich nichts für Leute, die verbales Fastfood gewohnt sind. Die Mechanismen der gegenwärtigen Bankenkrise werden übrigens ausführlich erklärt im dritten Band, 5. Abschnitt: “Spaltung des Profits in Zins und Unternehmergewinn. Das zinstragende Kpaital (Fortsetzung), 29. Kapitel “Bestandteile des Bankkapitals”, S. 481ff. (Das ist online verfügbar, dort aber sehr unübersichtlich). Zu Marx’ Zeit begannen die kapitalistischen Unternehmen gerade erst, sich in Aktiengesellschaften zu formieren. (Vgl. den Nachtrag von Friedrich Engels im 3. Band, S. 918: “Die Börse”) Hier also ein paar Sätze, die – am Ende des 19. Jahrhunderts publiziert – immer noch gültig und richtig sind und in jeder Talkshow der Ahnungslosen für Furore sorgen würden, die anwesenden Dampfplauderer und Kapitalismus-Apologeten aber gnadenlos intellektuell überforderten:
“Alle diese Papiere stellen in der Tat nichts vor als akkumulierte Ansprüche, Rechtstitel auf künftige Produktion, deren Geld- oder Kapitalwert entweder gar kein Kapital repräsentiert, wie bei den Staatsschulden, oder von dem Wert des wirklichen Kapitals, das sie vorstellen, unabhängig reguliert wird.”
“Die Reservefonds der Banken, in Ländern entwickelter kapitalistischer Produktion, drücken immer im Durchschnitt die Größe des als Schatz vorhandnen Geldes aus, und ein Teil dieses Schatzes besteht selbst wieder aus Papier, bloßen Anweisungen auf Gold, die aber keine Selbstwerte sind. Der größte Teil des Bankierkapitals ist daher rein fiktiv und besteht aus Schuldforderungen (Wechseln), Staatspapieren (die vergangnes Kapital repräsentieren) und Aktien (Anweisungen auf künftigen Ertrag). Wobei nicht vergessen werden muß, daß der Geldwert des Kapitals, den diese Papiere in den Panzerschränken des Bankiers vorstellen, selbst soweit sie Anweisungen auf sichre Erträge (wie bei den Staatspapieren) oder soweit sie Eigentumstitel auf wirkliches Kapital (wie bei den Aktien), durchaus fiktiv ist und von dem Wert des wirklichen Kapitals, das sie wenigstens teilweise vorstellen, abweichend reguliert wird; oder wo sie bloße Forderung auf Erträge vorstellen und kein Kapital, die Forderung auf denselben Ertrag in beständig wechselndem fiktivem Geldkapital sich ausdrückt. Außerdem kommt noch hinzu, daß dies fiktive Bankierkapital großenteils nicht sein Kapital, sondern das des Publikums vorstellt, das bei ihm deponiert, sei es mit, sei es ohne Zinsen.”
Alles klar? Noch Fragen der ökonomischen Art? Puls und Atmung normal? Der olle Karl Marx hatte wesentlich mehr Grips im Kopf als seine zahllosen Epigonen und Anhänger, die meinen, wenn sie das Kommunistische Manifest gelesen hätten, wüssten sie, wie eine Volkswirtschaft funktionierte. Um es noch mal klar auszudrücken: Bei dem, was politisch aus der Marxschen Ökonomie-Lehre abzuleiten sei, hat der Altmeister kräftig danebengehauen (“Diktatur des Proletariats” und dergleichen). Das war ohnehin Kaffeesatzleserei und politische Astrologie. Die Werttheorie und die daraus abzuleitende Theorie der Ausbeutung der Ware Arbeitskraft m Kapitalismus – der Kern des Gebäudes – ist aber IMHO so richtig wie das Einmaleins. Wie bei Beton: Es kommt drauf an, was man draus macht. Den gegenwärtigen Kapitalismus kann man mit Marx immer noch am besten erklären.
Das Foto zeigt meine recht zerlesenen Ausgaben der drei Bände “Das Kapital”. Vielleicht hatte ich ja auch Einreiseverbot in die DDR, weil ich den Ossis jederzeit ein Marx-Zitat um die Ohren hauen konnte, das ihren so genannten Sozialismus als Unfug entlarvt hätte. Übrigens: Karl Marx schreibt ein stilistisch fast perfektes und gutes Deutsch, ähnlich wie Sigmund Freud, und wird sogar vom erzkonservativen Wolf Schneider dafür gelobt.
Kommentare
2 Kommentare zu “Finanzexperten: Ratlos am Rande des Abgrunds”
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Vergelts Gott!
http://www.welt.de/welt_print/article2484801/Lehman-Pleite-trifft-evangelische-Kirche-in-Oldenburg.html
mfg, breche gerade vor Lachen zusammen…
ansonsten: Hm, ja, wie man sieht (auch ich war mal Marx-Tutor, wenn auch nicht bei Haug, deswegen war mir das noch so in etwa klar) macht auch, macht gerade Marx die Trennung Realwirtschaft/Finanzwirtschaft mit (und muss er ja auch, da Spekulation keine Quelle von Wert sein kann). Fragt sich eben, welche Schlüsse daraus zu ziehen sind. Im Gegensatz zu Dir weiß ich weniger denn je, ob es einen so to speak Kapitalismus-mit-menschlichem-Antlitz geben kann. Ist das “Nein” wirklich so sicher? Dass es ihn bis jetzt noch nirgends gegeben hat, ist kein Einwand. Auch einen Sozialismus-mit-menschlichem-Antlitz gab es jenseits zeitlich-örtlich begrenzter Versuche noch nirgends. Die Vorstellung Adam Smiths, der Kapitalismus tendiere dazu, ein win-win-System zu erzeugen, ist zwar vorderhand widerlegt. Aber ich wüßte weniger denn je, was denn nun zu tun sei. Muss ich ja nicht. Ich bin ja kein Linker. Hähä