Anarchie, ja bitte!

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V.l.n.r.: Michael Konken | Ulrich Jörges | Wolfgang Donsbach

Wenn es so einfach wäre: Mehr Geld, mehr Qualität. So stellt sich Klein Fritzchen den Journalismus vor. Ich schlage vor: Weniger Mainstream-Quark, mehr Haltung, mehr Zivilcourage, mehr kritisches Bewusstsein, mehr Selbstkritik, mehr Anarchie und weniger Zensur.

O Wunder, der DJV hat schon eine Presseerklärung „Online-Journalismus – Qualität braucht Investitionen“ zu seiner heutigen Veranstaltung „Regeln oder Anarchie? – Journalismus im WWW“ herausgegeben [Livestream]. Den Titel haben sie so oft verändert, dass der ursprüngliche Anlass, Michael Konkens Blogger-Beschimpfungen, gar nicht mehr zu erkennen war. Auf dem Podium saßen (ja, man kann Links setzen!): Thomas Knüwer vom Handelsblatt-Weblog „Indiskretion Ehrensache“ (– sehr hübsch die Überschrift: „Ich wünschte, es wäre Donnerstag oder der Konken käme“ – wer weiß, worauf das anspielt, kriegt einen Keks), Hans-Ulrich Jörges vom stern, Don Alphonso aka Rainer Meyer („Rebellen ohne Markt“), Prof. Dr. Wolfgang Donsbach, Universität Dresden, Michael Konken, Björn Sievers von Focus Online, Michaela May, Chefkorrespondentin Politik bei N24. Alexander Fritsch moderierte.

Für den DJV hatte die Veranstaltung einen recht hohen Unterhaltungswert. Das lag aber vor allem an Knüwer und Don Alphonso, die den anderen kräftig kräftig Zunder gaben – für meinen Geschmack jedoch noch zu wenig. Statt über Blogs redete man mehr allgemein über „das Internet“, der Unterschied zwischen Foren und Blogs wurde gar nicht berücksichtigt.

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Alexander Fritsch | Michaela May, |Thomas Knüwer

Die Fronten waren klar: Jörges als Vertreter des ignoranten deutschen Journalisten an sich fand das Netz ganz igitt, wollte die bösen Rechtsextremisten (Kinderpornografie fiel ihm nicht ein) und andere zensieren, gar nicht reinlassen, raus aus dem Internet. Alle Postings in Foren sollten namentlich gekennzeichnet werden. Online-Dienste vorhandener Printmedien müssten die gleichen Standards wie diese haben. Private Blogs mit journalistischem Anspruch existieren in der Denkwelt eines Jörges gar nicht. Sehr nett der Wortwechsel zwischen ihm und mir: „Herr Jörges, wollen Sie Vorzensur?“ – „Dazu sage ich nichts. Ich springe nicht über das Stöckchen, was Sie mir hinhalten.“ – „Also ja“. Den genauen Wortlaut können die wohlwollenden Leserinnen und die geneigten Leser anhören. Jörges wollte auch nicht – was er mehrfach betonte – über Blogs reden. Wer hatte ihn eigentlich warum eingeladen?

Don Alphonso war schon von der Berliner Zeitung genervt, die ihn gar nicht gefragt, sondern nur aus seinem Blog zitiert hatte. Er zählte auf, welche Sünden die klassischen Medien begangen hätten. Sein Blog stünde in direkter Konkurrenz zum Ingolstädter Donaukurier und hätte mehr Leser. Don steht für die These, dass der klassische Journalismus ausgedient habe und auf dem Weg in die Marginalisierung sei. Das darf man bezweifeln, weil die Tendenz zum Rückzug ins unpolitische Private, den er beim Medienverhalten Jugendlicher beobachtet haben will, bestimmt nicht verabsolutiert werden kann.
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Hendrik Zörner, Pressesprecher des DJV, PR-bloggend | Don Alphonso

Donsbach faselte zu sehr für meinen Geschmack: Alles sei schon einmal da gewesen, die Probleme nicht neu und der Journalismus müsse professionalisiert werden. Aber wie denn, wo denn, was denn? Wer Journalist ist und was dazu gehört, darf in Deutschland – zum Glück – der Staat nicht vorschreiben. Derartige Forderungen sind Betroffenheitslyrik und Lichterkettenträgerei, wie sie der Deutsche Presserat betreibt. Michaela May meinte nichts zum Thema, was mir im Gedächnis blieb, sondern redete nur voller Begeisterung über sich und ihr Blog. Thomas Knüwer sagte etwas, was ich ganz und gar unterschreiben kann: Was Journalismus im Internet angeht, lebten wir in Deutschland in einem Entwicklungsland. Und daran wird sich so schnell nichts ändern.

Es werden sicher noch Andere über die Veranstaltung bloggen. Aber das bloße Nacherzählen ist langweilig, wenn es die Diskussion auch als Stream gibt. Nur hier – auf burksblog.de – hat das Publikum etwas über die wahren Hintergründe erfahren, warum Konken Blogs ganz doof findet und Blogger für Schmierfinken hält.

Mehr Links bei Onlinejournalismus.de: „DJV-Qualitätsdiskussion: Niveau einer Christiansen-Sendung“ und im Recherchegruppe-Blog.

Kommentare

5 Kommentare zu “Anarchie, ja bitte!”

  1. onlinejournalismus.de - Das Magazin zum Thema » Blog Archive » DJV-Qualitätsdiskussion: Niveau einer Christiansen-Sendung am Januar 11th, 2008 9:44 am

    […] Burks’ Blog, Burkhard Schröder: Anarchie, ja bitte! […]

  2. Konken und Jörges trafen Knüwer und Don Alphonso - BlogTrainer [Business-Blogs] am Januar 11th, 2008 1:04 pm

    […] Burkhard Schröder: Anarchie, ja bitte! […]

  3. Zurück im Jahr 2005 | kopfzeiler.org am Januar 11th, 2008 8:13 pm

    […] Zu Schluss möchte ich nochmal auf den kurzen Jeff-Jarvis-Artikel zur Evolution des Journalismus hinweisen, dem ich absolut zustimme. Journalisten müssen nicht nur Reporter, sondern auch Moderatoren, Lehrer, Schüler, Filter, Partner, vor allem aber Bürger sein. Und wenn uns die Verlage dazu nicht die Möglichkeit geben, müssen wir Entrepreneure werden, unsere eigene Stimme zur Marke machen. Der Triumphzug des Internets nimmt den professionellen Journalisten vielleicht eine imaginierte Sicherheit – doch die Freiheit, die das Netz gibt, bietet dem Journalismus (oder wie auch immer wir das publizistische Phänomen nennen wollen) Chancen, die wir vielleicht noch nicht einmal erahnen. Egal, wer die Inhalte liefert. Disclosure: Bei mir gibt’s drei Sachen auf einmal – ich bin freier Journalist (online für sueddeutsche.de), Blogger (hier an dieser Stelle) und DJV-Mitglied (die gibts noch!). Heute wurde bereits viel zum Thema geschrieben (u.a. Uninformation, Thomas Knüwer, Irgendwasistimmer, Media Ocean, Burks) […]

  4. mein-parteibuch.com » Debattieren mit den Clowns der Medienmilliardäre am Januar 12th, 2008 9:14 pm

    […] anno dazumal konnten Journalisten mit anderen Journalisten hemmungslos über die böse Anarchie der Blogger schwatzen. Damit die humorlosen Experten des hochwertigen deutschen Wissenschaftsjournalismus das […]

  5. mediale schlammschlacht | emBlOG am Januar 13th, 2008 3:47 am

    […] durch: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, […]

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