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leicht verändert
am 13.11. 97
im Berliner Stadtmagazin
TIP
.Drogenkrieg unter dem Kreuz
Die Kreuzritter reiten wieder. Vor 800 Jahren fielen sie mit Feuer und Schwert über das Heilige Land her. Heute erobern sie das unheilige Berlin. Die Waffen sind zeitgemäss: Modernes Management, viel Geld und fest umrissene, wenn auch erzkonservative Ziele. Das Deutsch Ordens Hospitalwerk (DOH) aus Bonn, der caritative Arm des Deutschen Ordens, kann den geistlichen Vorgesetzten Vollzug melden: Erster Brückenkopf in Preussen gesichert! Das DOH hat sich das dickste Stück aus dem Kuchen der Berliner Drogenhilfe-Einrichtungen geschnappt. Und jetzt jammern alle, dass der Hecht im Karpfenteich aufgetaucht ist, sehen ihre Pfründe davon schwimmen und weisen sich wechselseitig die Schuld zu.

"Das Schwarzer-Peter-Spiel ist eine Berliner Spezialität", sagt die Berliner Landesdrogenbeauftragte Elfriede Koller. Man meinte es ja gut: Der Verein Drogentherapiezentrum e.V. (DTZ) hatte gegen erbitterten Widerstand der besorgten Nachbarn im Februar 1995 ein grosses Haus in der Frankfurter Allee erworben und wollte dort den Berliner Junkies zur "Nüchternheit" verhelfen: Vom Entzug bis zur Nachsorge und Zweckbetrieben, alles unter einem Dach. "Endlich ein vernünftiges Konzept", sagt Koller dazu. Dass eine Entzugseinrichtung des DTZ wie Count Down defizitär ist, wie ein internes Papier schreibt, und nach Sitte der Vorväter nur "kalten" statt medikamentengestützen Entzug anbietet - der deutsche Junkie ist hart wie Kruppstahl - steht auf einem anderen Blatt. Auch das Finanzsäckel wurde bemüht: Die Klassenlotterie steuerte gut sechs Millionen Mark für den Erwerb des Objektes hinzu, der Rest sollte eigenfinanziert werden.

Doch der Karren wurde holterdipolter an die Wand gefahren. Aus Dilettantismus, sagen die einen, aus Prinzip oder wegen des gegenseitigen Hauen und Stechens, sagen die anderen. Die Junkies wollten die Betten nicht oft genug belegen, die Bauarbeiten stiessen trotz des Bauleiters Bommi Baumann immer wieder auf unerwartete Schwierigkeiten. Dazu kam, dass laut der Modernisierungrichtlinien die zu erwartende Miete gar nicht so hoch sein darf, wie sie sein müsste, um kostendeckend zu arbeiten. Der Wirtschaftsprüfer kritisiert, dass ein zinsloses Darlehen zur Deckung des Defizits berücksichtigt worden sei, obwohl es noch keine Zusage gegeben hätte. Fazit: Es fehlen gut zwei Millionen, der Verein ist fast bankrott. Ein interner Prüfbericht malt die Situation in den schwärzesten Farben: "Für das Bauvorhaben fehlen ausreichende Finanzierungsmittel." Der Schatzmeister des Vereins stellte schon im Dezember 1996 sein Amt zur Verfügung, die Bank im Sommer ein Ultimatum.

Hans Boetel, Psychologe, ehemaliger theapeutische Leiter und Mann für alles beim Drogentherapiezentrum: "Als wir am wackeln waren, kamen die Geier." Andere Berliner Drogenhilfe-Einrichtungen witterten die Chance. den maroden Laden in seiner Zwangslage zu übernehmen. Der "Notdienst für Suchtmittelgefährdete und -abhängige e.V." in Gestalt seines Geschäftsführers Michael Hoffmann-Beyer hätte vielleicht gewollt, aber kein Geld. Der "Notdienst" ist mit 20 Prozent an der Immobilie in Friedrichshain beteiligt. Man verdächtigt den Multi-Funktionär Hoffmann-Beyer wegen seiner guten Kontakte, diverse Fäden gezogen zu haben. Plötzlich dachte sogar die Drogenhilfe Tübingen laut darüber nach, sich in Berlin zu engagieren. Dessen Leiter Thoams Bader kennt den Geschäftsführer des "Notdienstes" gut.

"Hoffmann-Beyer neigt zum Grössenwahn", sagt ein Psychologe aus dem umkämpften Objekt in der Frankfurter Allee. Der Gescholtene streitet alles ab. "Hoffmann-Beyer hat ein Konsortium aus dem Hut gezaubert", bestätigt jedoch ein Sachbearbeiter des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Der DPW ging ebenfalls ins Rennen. Man denkt dort selbstredend nicht an Profit, sondern altruistisch: "Es muss doch im Interesse des Drogenreferats stehen, die Berliner Einrichtungen zu schützen!" sagt ein Mitarbeiter des DPW. Und wundert sich, dass die Berliner Drogenbeauftragte nicht eingriff, als das wertvolle und mit Steuergeldern finanzierte Objekt "für einen Appel und ein Ei" verschleudert werden sollte. Wilhelm Ebbing vom DTZ sagt deutlich, wie er die Absicht des "Notdienstes" einschätzt: "Es lief auf eine unfreundliche Übernahme hinaus."

Dann trat Daytop auf den Plan, einer der grössten Suchthilfe-Konzerne Deutschlands und in der Vergangenheit bei vielen Junkies als Hardcore-Abstinenzler-Verein berüchtigt. Dr. Hans Ulrich Gresch vom "Fachverband freier Einrichtungen in der Suchtarbeit e.V.", zu dem Daytop gehört, hält Sucht für eine "Krankheit des Willens". Zwar kann er mit einigen Verrenkungen selbst über Heroin-Vergabe im medizinisch indizierten Einzelfall nachdenken. Für "aktzeptierende Drogenarbeit" jedoch gebe es "keine fachliche Rechtfertigung."

Bald ging es in Berlin zu wie in einem Wirtschafts-Krimi: Hinter Daytop steckte das Deutsch Ordens Hospitalwerk. Weder die Berliner Drogenbeauftrage noch die Mitarbeiter des Drogentherapiezentrums ahnten, dass der Gründer von Daytop, der ehemalige Geistliche Johannes alias Ulrich Josef Kurt Osterhues, sein Imperium von 55 Einrichtungen und seine Mitarbeiter völlig überraschend dem DOH übertragen hatte. Der Grund: schwerwiegende Vorwürfe, sein Geschäftsgebaren betreffend - Verschwendung von Steuergeldern, Unregelmässigkeiten bei Bauausschreibungen, keine Kontrolle, luxuriöse Dienstreisen, mehrere Gehälter. Der Beschuldigte leugnete gelassen: Er hat sich mittlerweile zum buddhistischen Mönch weihen lassen.

Am 15. September war deadline für das Drogentherapiezentrum: Die zuständige Bank hätte die Sache auffliegen lassen, wenn das DTZ nicht Geld oder Geldgeber aufgetrieben hätte. Jede Partei sammelte ihre Heerscharen für die entscheidende Sitzung. Der Paritätische Wohlfahrtsverband verfasste angeblich ein Schreiben, sagt Hans Bötel, mit einer Namensliste, "wen die gern im Vereinsvorstand gesehen hätten." Beim DPW fürchtet man, die Übernahme einer zentralen Drogenhilfe-Einrichtung wie dem Drogentherapiezentrum durch eine westdeutsche Gruppe könnte dazu führen, dass die Kunden vom Berliner Markt in auswärtige Therapien "absaugt werden".

Doch es kam ganz anders: Es traten einige Leute ein, und einer wurde sofort erster Vorsitzender des Drogentherapiezentrums e.V.: Werner Conrad, gleichzeitig neuer Geschäftsführer des Deutsch Ordens Hospitalwerk. Die unterlegene Fraktion tritt noch nach. Rechtsanwalt Harald Remée, ein Vereinsmitglied und nicht verfeindet mit Hoffmann-Beyer, hat die Wahl aus formalen Gründen angefochten.

Das wird jedoch nichts ändern. Dr. Michael Ernst-Pörksen, der Ex-Schatzmeister des DTZ-Vereins, will die Katastrophe geahnt haben: "Den Betroffenen nützt das nichts, egal, was da herauskommt." Und die Agierenden in der Berliner Drogenhilfe seien "Dinosaurier, die sich überlebt haben." Er sei nicht wegen der finanziellen Situaiton zurückgetreten, sondern weil er eine Politik nicht mehr habe verantworten können, "die sich nicht an der Szene orientiert."

Jetzt werden die Köpfe rollen, nur welche, ist noch nicht klar. "Es muss geschrumpft werden", sagt Hoffmann-Beyer, der mit seinem "Notdienst" nicht mehr in die Frankfurter Allee umziehen will. Und die Mitarbeiter haben nur die vage Ankündigung der neuen Herren, Kontinuität wahren zu wollen. Werner Comrad vom DOH insitiert auf "überdurchschnittlich qualifizierten Mitarbeiter-Persönlickeiten." Aber von einer Marktanalyse wollen auch die Ordensritter nicht viel wissen. Der neue therapeutische Leuter im Drogentherapiezentrum, Dr. Helmut Bläsner, weiss nicht, ob jetzt die Junkies die Betten immer öfter belegen werden. Die Berliner Drogenbeauftragte Koller warnt schon jetzt: "Mit Drogenhilfe konnte man noch nie Geld verdienen." Aber das will das Deutsch Ordens Hospitalwerk gar nicht. Man hofft dort, "vorsichtigen Einfluss auf die Drogenpolitik des Landes nehmen zu können." Darin waren die Kreuzritter schon immer gut.


Das Deutsch Ordens Hospitalwerk, zur Zeit noch in Bonn, wurde 1992 gegründet und umfasst ohne die Neuerwerbung in Berlin 85 Häuser, darunter den frisch übernommen Daytop-Konzern, Kinderheime in Ungarn, kommunale Fachkliniken und viele andere caritative Einrichtungen. Bilanzsumme mittlerweile stolze 500 Millionen Mark. Das DOH ist Teil des katholischen Deutschen Ordens (gegr. 1190) mit Hauptsitz in Wien und Niederlassungen in Deutschland, Belgien, Italien und diversen osteuropäischen Ländern. 1988 wurde Pater Dr. Arnold Othmar Wieland o. T. zum Hochmeister ("Supremus Magister") gewählt. Offizieller Titel: "Magister des Hospitals Sankt Mariens der Deutschen zu Jerusalem." Der Deutsche Orden hat rund 1000 Mitglieder. Als Ordenspatrone verehrt man Maria, die heilige Elisabeth von Thüringen und den heiligen Georg. Motto: "Helfen, Wehren, Heilen."
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